OpenAI hat bekannt gegeben, dass ein internes Frontier-Modell am 16. Oktober 2026 einen natürlichsprachlichen Beweis dafür erstellt habe, dass die Exponentialzeithypothese (ETH) falsch ist. Am 17. Oktober sei die Aussage dann im Beweisassistenten Lean formalisiert worden. Die ETH ist eine in der Komplexitätstheorie weit verbreitete Vermutung. Vereinfacht besagt sie, dass sich allgemeine Instanzen von k-SAT für festes k nur in einer Zeit lösen lassen, die exponentiell mit der Anzahl der Variablen wächst. Im Mittelpunkt von OpenAIs Behauptung steht ein subexponentieller Algorithmus für eine eingeschränkte SAT-Familie. Sollte sich das bestätigen, hätte dies Auswirkungen auf zahlreiche bedingte Härteresultate, die auf der ETH beruhen.
Wichtig ist, drei miteinander verknüpfte, aber unterschiedliche Aspekte auseinanderzuhalten: (1) die Aussage der ETH und die algorithmischen Möglichkeiten, die sie praktisch ausschließt; (2) das konkret vorgeschlagene Gegenbeispiel – ein Algorithmus, der SAT-Instanzen mit fester Klauselbreite in subexponentieller Zeit löst; und (3) die Folgen für zentrale offene Fragen wie P vs. NP. Die neue Behauptung betrifft den zweiten Punkt: einen konstruktiven Angriff auf die ETH, der nicht automatisch die breitere Landschaft der Trennungsergebnisse in der Komplexitätstheorie auf den Kopf stellt. Dieser Unterschied ist subtil, aber entscheidend für Fachleute und Investoren, die die technische Meldung einordnen wollen.
OpenAI betrachtet die Behauptung nicht als abschließendes wissenschaftliches Urteil. Das Unternehmen hat ein externes Team unter der Leitung von Russell Impagliazzo und Ramamohan Paturi – den ursprünglichen Urhebern der ETH – sowie Ryan Williams vom MIT mit der Begleitung der Validierung und unabhängigen Überprüfung beauftragt. Das Team soll die Begutachtung durch die Fachgemeinschaft organisieren, das natürlichsprachliche Argument bewerten, die Lean-Formalisierung prüfen und untersuchen, ob die Konstruktion tatsächlich die behaupteten asymptotischen Laufzeitverbesserungen erzielt – ohne versteckte Einschränkungen. Eine unabhängige Prüfung bleibt der entscheidende Schritt, bevor die Fachwelt die Behauptung als gesichert betrachten kann.
Für Gründerinnen und Gründer, Forschende und Produktverantwortliche ergibt sich daraus eine zweifache praktische Erkenntnis: Durchbrüche können heute von Modellen stammen und schnell maschinengeprüft werden – das beschleunigt die Entwicklung und Erprobung von Hypothesen. Maschinengeprüfte Beweise ersetzen jedoch keine Fachkenntnis. Selbst ein formal korrekter Beweis muss oft in seinen Kontext eingeordnet werden, um seine weiterreichenden algorithmischen Folgen, die Leistung in der Praxis und die Übertragbarkeit asymptotischer Verbesserungen auf technische oder wirtschaftliche Vorteile zu verstehen.


